Schlesien Geschichte

Schlesien und die deutsche Minderheit

Nach einer ersten staatlichen Zugehörigkeit zum Großmährischen Reich im 9. Jahrhundert gehörte Schlesien zunächst zu Böhmen, ehe es zum Ende des 10. Jahrhunderts vom aufstrebenden Polen, dessen Keimzelle um Posen und Gnesen lag, erobert wurde. Das damalige Polen, dessen Grenzen den heutigen sehr ähneln, zerfiel jedoch Mitte des 12. Jahrhunderts durch Erbteilungen im Hause der Piasten. Von anderen piastischen Teilherzögen vertrieben, konnten die Söhne von Wladislaus II. das schlesische Erbe mit Hilfe Kaiser Barbarossas 1163 antreten. Diese brachten deutsche Ritter und Mönche mit in ihr Land und leiteten damit die Kolonisation durch deutsche Siedler ein. Die slawische Bevölkerung einschließlich des Adels wurde nicht verdrängt, sondern profitierte von der Entwicklung. Der vollständige Eintritt Schlesiens in die Geschichte des Reiches steht sogar im engen Zusammenhang mit der Einigung Polens Ende des 13. Jahrhunderts. Die Unterwerfung unter die Lehnshoheit des römisch-deutschen Königreiches Böhmen hatte bei den schlesischen Teilfürsten ihren Grund im Schutz vor dem Sog der neuen polnischen Zentralmacht in Krakau.

Während sich in Niederschlesien zunehmend die deutsche Sprache durchsetzte, überwog in Oberschlesien bis in die Neuzeit das Polnische, das hier jedoch durch den Einfluss des Deutschen und des Tschechischen eine Sonderentwicklung nahm. Mit dem Fall Böhmens an die Habsburger 1526 gelangte auch Schlesien unter die Herrschaft der führenden Macht im Reich, Österreich. Die letzte schlesische Piastenlinie starb ohnehin mit dem Protestanten Georg Wilhelm von Liegnitz, Brieg und Ohlau 1675 aus. Strittige Erbfolgeverträge nahm Friedrich der Große für die Eroberung Schlesien durch Preußen zum Anlass, die 1742 im Berliner Frieden bestätigt wurde.

 

Ethnie und Nation decken sich in Oberschlesien nicht zwangsläufig

Die nationale Frage wurde in Oberschlesien trotz des gemischten Volkstums (in den Städten überwog deutsche, auf dem Land polnische Bevölkerung) erst sehr spät zu einem Thema. Nach den noch bis zur Jahrhundertwende dominierenden staatspolitischen Begriffen, in denen die ethnische Komponente noch nicht zwangsläufig dominierend war, war ganz Schlesien legaler Besitz Preußen-Deutschlands, da es nicht erst durch die Teilungen Polens im 18. Jahrhundert an Preußen gelangt war. Die polnische Friedensdelegation verlangte nach dem 1. Weltkrieg aufgrund ethnischer Kriterien jedoch fast ganz Oberschlesien für Polen, während von deutscher Seite eingewandt wurde, dass Sprache und Nation in Oberschlesien nicht gleichgesetzt werden könnten. So hatte die polnische Liste bei der Reichstagswahl 1907 nur 115.428 Stimmen erhalten, während in der Volkszählung von 1910 über 1. Mio. Menschen in Oberschlesien angaben, Polnisch als Muttersprache zu sprechen. Allerdings unterschied die preußische Statistik nicht zwischen Polnisch und dem regionalen, stark Deutsch durchsetzten Idiom, dem so genannten "Wasserpolnisch".

Letztlich setzten die Alliierten nach zwei Aufständen polnisch gesinnter Oberschlesier eine Volksabstimmung an. Der Abstimmungskampf zeigte, dass Sprache und Nation tatsächlich nicht zusammen fallen mussten. Pro-deutsche Zeitungen und Plakate erschienen durchaus zweisprachig und selbst auf polnisch, während pro-polnische zweisprachig oder nur deutsch gefasst sein konnten. Nach der Volksabstimmung, die 59,6% der Stimmen für Deutschland und 40,4% der Stimmen für Polen ergab, initiierte der Aufständischenführer Wojciech (Albert) Korfanty einen 3. Aufstand, mit dem vollendete Tatsachen geschaffen werden sollten. Oberschlesien wurde nun jedoch geteilt, wobei sich die Grenzziehung nicht an örtlichen Ergebnissen orientieren konnte, da es Stimmenmehrheiten für Polen in den westlichen, ländlichen Gebieten und deutsche Stimmenmehrheiten in den Großstädten des östlich gelegenen Hüttenreviers gab.

Obwohl in 606 Artikeln der Genfer Konvention vom 15.5.1922 ein umfassender gegenseitiger Minderheitenschutz für zunächst 15 Jahre vereinbart wurde, setzte dennoch aufgrund faktischer Repressionen eine umfassende Bevölkerungsverdrängung ein, bei der bis 1925 117.000 Deutsche nach Westoberschlesien umsiedelten. Die Nationalsozialisten nahmen im deutschen Teil Oberschlesiens erst mit der Weltwirtschaftskrise an der Wende zu den 30er Jahren ihren Aufschwung, während sie 1928 im Gegensatz zu anderen deutschen Gebieten hier noch Splitterpartei waren. Nach der Machtübernahme durch die Nazis wurde jedoch mit der Germanisierung slawischer Orts- und Familiennamen und der Abschaffung polnischer Gottesdienste ein umfassender "Kampf gegen die polnische Fassade" eingeläutet. Den im Rahmen des "Volkstumskampfes" von deutscher Seite fingierten Überfall auf den oberschlesischen Sender Gleiwitz nahm Hitler für den Krieg gegen Polen zum Anlass. Mit dem Anschluss Ostoberschlesiens und sogar darüber hinausreichender Gebiete an diese Provinz war es mit der "erzwungenen" Rücksicht auf alles Polnische vorbei. Im öffentlichen Leben wurde der "Gebrauch der polnischen und mährischen Sprache" als "grober Unfug" und damit als Straftatbestand im Sinne des § 360 (11) des Strafgesetzbuches deklariert.

 

"Nationale Homogenisierung"

Die vorrangig durch die Sowjetunion nach dem 2. Weltkrieg betriebene Westverschiebung Polens, bei der Polen jedoch neben der "Ausführungsverantwortung" wegen der Vertreibungsaufnahme vor Beginn der Potsdamer Konferenz auch ein Teil der Entscheidungsverantwortung zukommt, führte zur größten erzwungenen Bevölkerungsbewegung der Weltgeschichte. Die Halbmillionenmetropole Breslau ist so auch die größte Stadt der Welt, deren Einwohnerschaft innerhalb weniger Jahre fast vollständig ausgetauscht wurde. Insgesamt 7 Mio. Deutsche mussten durch Flucht oder Vertreibung zwischen 1945 und 1950 die deutschen Ostgebiete verlassen, während weit über eine Mio. Menschen diese Ereignisse nicht überlebten. Nachdem 1945 der sowjetische Gewinn Ostpolens (wo die Polen allerdings in der Minderheit waren) aus dem Jahre 1939 durch den Hitler-Stalin-Pakt nicht rückgängig gemacht wurde, fanden sich nunmehr ihrerseits vertriebene und "repatriierte" Polen in Schlesien wieder. Allerdings setzt sich die heutige Bevölkerung der ehemaligen deutschen Ostgebiete nicht - wie dies mitunter suggeriert wird - mehrheitlich aus vertriebene Polen oder deren Nachkommen zusammen.

Während die Deutschen aus Niederschlesien fast vollständig vertrieben wurden, wurden in der Annahme, man könne die "autochthone" (alteingesessene) Bevölkerung Oberschlesiens nach Jahrhunderten der Trennung vom "Vaterland" in die polnische Nation "re"-integrieren, Verifizierungskommissionen gebildet. Durch die erzwungene Verifizierung verblieb die Mehrheit der alteingesessenen Bevölkerung des einstigen Abstimmungsgebietes. Neben der grundsätzlichen Fragwürdigkeit der Verifizierung belastete die willkürliche Rechtsanwendung der ersten Nachkriegsjahre das Miteinander. Unabhängig früherer nationaler Optionen führte die Gewaltpolitik vieler ortsfremder Machthaber zu einem Zusammenrücken der Oberschlesier, denen der Gebrauch der deutschen Sprache ordnungsbehördlich verboten war und deren Vor- und Familiennamen zwangspolonisiert wurden. Nachdem gemäß Artikel 3 des polnischen Staatsbürgerschaftsrechts vom 8. Januar 1951 auch die sich bis dahin der Verifizierung Widersetzenden mit der polnischen Staatsbürgerschaft ausgestattet worden waren, war nach polnischer Auffassung ein Minderheitenproblem nicht mehr existent.

Mit dem Warschauer Vertrag über die Grundlagen der Normalisierung der gegenseitigen Beziehungen vom 7. Dezember 1970 verpflichtete sich das nationalkommunistische Polen bilateral, Menschenrechte und Grundfreiheiten zu beachten. Das Festhalten Warschaus an der Doktrin, die "autochthonen" Oberschlesier kategorisch als ethnische Polen zu deklarieren, konnte für diese Minderheitenrechte jedoch nicht erwirken. Oberschlesier, die eine Ausreise in die Bundesrepublik beantragten unterlagen vielmehr Repressionen am Arbeitsplatz. Nach dem Zusammenbruch des Sozialismus brachte innerhalb der KSZE das Kopenhagener Dokument vom 29. Juni 1990 einen wesentlichen Fortschritt. Mit der Feststellung, dass die Zugehörigkeit zu einer nationalen Minderheit der persönlichen Entscheidung unterliege, musste auch die innerhalb Polens erst kurz zuvor fallen gelassene Doktrin vom Polentum aller "autochthonen" Oberschlesier ihr Ende finden. Trotz des Zusammenbruchs des sozialistischen Systems, das Aussicht auf Verbesserungen in der Heimat verhieß, ergriff jedoch ein Großteil der Ausreisewilligen ihre Gelegenheit und machte sich in einer Massenwanderung im Schatten anderer epochaler Ereignisse in die Bundesrepublik auf.

 

Eine Minderheit, die vielerorts in der Mehrheit ist

Seit der Wende entstanden in den meisten Ortschaften Oberschlesiens Deutsche Freundschaftskreise (DFK), die in Bezirksverbänden (SKGD) und einem landesweiten Verband, dem Verband deutscher Gesellschaften (VdG) mit Sitz in der alten oberschlesischen Hauptstadt Oppeln zusammengeschlossen sind. Die Frage, wie viele Deutsche heute noch in Oberschlesien leben, kann nur schwer beantwortet werden. Wissenschaftliche Untersuchen zeigen, dass "multiple Identiäten" vorherrrschen und zahlreiche "Autochthone" sich vorrangig als "Schlesier" deklarieren. Allerdings kann mit Blick auf "objektive Kriterien" gesagt werden, dass bis zu 1/3 der Einwohner der Wojewodschaft Oppeln (dem westlichen Oberschlesien) auch die deutsche Staatsangehörigkeit haben könnten. Angesichts fehlender friedensvertraglicher Regelungen nach dem Krieg hatten die Oberschlesier ihre deutsche Staatsangehörigkeit nicht verloren. So braucht diese auch nicht "beantragt" werden, sondern wird beim Vorliegen beweiskräftiger Dokumente "festgestellt". Die Staatsangehörigkeitsfrage liefert indes häufig Anlass zu politischen Verstimmungen, da sich z.B. Oberschlesier angeblich der Wehrpflicht entziehen. Zehntausende Oberschlesier pendeln jedoch regelmäßig zwischen Deutschland und Polen, während sich manche längst Ausgesiedelte offiziell nie abgemeldet haben. Durch die Möglichkeit der Arbeitsaufnahme in EU-Staaten ergeben sich für Polen relativ hohe Einkommen der Privathaushalte von Oberschlesiern, während die regionalen Kommunalhaushalte angesichts eingeschränkten Steueraufkommens stark gebeutelt sind.

Trotz der Konzentration der deutschen Minderheit in Oberschlesien belegen die beiden oberschlesischen Wojewodschaften "Oppeln" (= westliches Oberschlesien) und "Schlesien" (= östliches Oberschlesien) nur den 4. und 8. Platz hinsichtlich des Anteiles der Schüler mit Deutschunterricht. Erkennbar ist interessanterweise, dass die Grenzanrainerwojewodschaften zu Deutschland bislang eine bessere Versorgung mit deutschem Schulunterricht erreichen konnten und auf den ersten drei Plätzen liegen.

1. Lebus 53,0%
2. Niederschlesien 49,4%
3. Westpommern (=Hinterpommern) 42,7%
4. Großpolen 40,9%
5. Oppeln 36,4%
6. Lodsch 36,1%
7. Pommerellen 35,1%
8. Vorkarpatien 31,9%
9. Kleinpolen 30,1%
10. Ermland-Masuren 29,8%
11. Kujawien-Pommern 29,6%
12. "Schlesien" (Kattowitz) 27,3%
13. Heiligkreuz 24,7%
14. Lublin 23,5%
15. Masowien 20,7%
16. Podlachien 20,1%

Im Gegensatz zur bislang noch nicht ausgeschöpften kulturellen Durchschlagskraft sind die Deutschen zumindest in den politischen Gremien der Region ihrer Stärke entsprechend vertreten. Im Sejm sind nationale Minderheiten von einer %-Hürde befreit - zwei Abgeordnete vertreten die deutsche Minderheit im polnischen Parlament. In den Kreistagen von Groß Strehlitz, Kandrzin-Cosel, Krappitz und Oppeln sowie in der Mehrheit ihrer Gemeinden und in vielen Gemeinden benachbarter Kreise stellen die Deutschen mindestens die Hälfte aller Abgeordneten; in der Wojewodschaft Oppeln ist die Fraktion der Minderheit sogar Teil der Regierungskoalition.

(Till Scholtz-Knobloch - im Dezember 2002)